Deep dive
Eventcharakter mit zweistelligem Marktanteil: Warum Reality im TV so gut funktioniert
Reality-TV ist Guilty Pleasure oder Trash-TV? Von wegen. Formate wie „Die Bachelors“, „Kampf der Realitystars“ oder „GNTM“ verbinden Reichweite, Social und Markeninszenierung so erfolgreich wie kaum ein anderes Genre. Für Werbekunden wird es damit zur plattformübergreifenden Bühne für Aufmerksamkeit und integriertes Storytelling.
Bild: Joyn/Renè Lohse
Promis kämpfen im Wald ums Überleben. Zwei Junggesellen sind auf der Suche nach der großen Liebe. TV-Stars ziehen auf den Bauernhof und müssen sich beweisen. Es sind Geschichten, die das Leben schreibt – und vermutlich sind sie deswegen auch niemals auserzählt: Reality-TV boomt nach wie vor und ist bei Zielgruppen wie bei Werbungtreibenden ein beliebtes Format.
Allen voran linear, zeigen aktuelle Zahlen der AGF Videoforschung: Danach erreichen die Sendungen gerade bei jungen Reality-Fans von 14 bis 29 Jahren zweistellige Marktanteile im linearen Fernsehen. Das gemeinsame Erleben und das Wissen, dass Tausende gerade genau dasselbe sehen und in sozialen Netzwerken darüber diskutieren, machen das lineare Fernsehen zur unverzichtbaren Heimat für das beliebte Genre.
Bereits 2024 machte der Anteil von non-fiktionaler Unterhaltung und Reality-TV an der Gesamtsendezeit laut Statista auf den Sendern SAT.1, RTL und VOX jeweils mehr als ein Drittel und sogar bis zu über 40 Prozent aus, bei vielen Sendern mit steigender Tendenz.
Attraktive Zielgruppen statt Klischees
7,5 Millionen Menschen ab 14 Jahren in Deutschland sind Reality-Fans. Sie sind überwiegend weiblich (70 Prozent), mehrheitlich unter 40 Jahren (über 50 Prozent) und fest im Leben verankert. Sie sind digital, konsumaffin und haben klare Interessen, heißt es bei der Ad Alliance. 57 Prozent verfügen über ein Haushaltsnettoeinkommen von über 3.000 Euro, 62,8 Prozent sind Haushaltsführende und 37 Prozent sind höher gebildet (mit (Fach-)Abitur oder Hochschulabschluss).
Die Markt-Media-Studie best for planning (b4p 2025) bestätigt das und widerlegt ebenfalls gängige Klischees. Danach sind etwa 67 Prozent der Reality-Zuschauer formal mittel oder hoch gebildet und haben ein ausgeprägtes Trendbewusstsein: 47 Prozent der Fans geben an, genau zu wissen, welche Modemarken gerade aktuell sind. 57 Prozent nutzen Medien explizit, um sich für neue Produkte inspirieren zu lassen.
Geschichten, die fesseln und Gesprächsstoff liefern
Reality-Fans wissen genau, was sie sehen möchten: Ihr Herz schlägt vor allem für Formate, in denen echte Menschen im Mittelpunkt stehen. Dokutainment und Real-Life (16,4 Prozent), Promi-Magazine (10,2 Prozent) sowie Castingshows (9,6 Prozent) sind die Gründe, warum sie gezielt einschalten. Auch bei emotionalen Stoffen wie deutschen Serien (22,9 Prozent) oder Liebesfilmen (15,1 Prozent) sind sie voll dabei und liegen damit deutlich über dem Marktdurchschnitt. Sportarten wie Fußball oder Wintersport lassen sie hingegen eher kalt.
Dabei zeigen sie ein ausgeprägtes Gespür für Lifestyle-Themen: Vor allem Beauty und Selfcare stehen hoch im Kurs – Haarpflege (56,7 Prozent), Gesichtspflege (49,7 Prozent), Mode (56,5 Prozent) und ein schönes Zuhause (48,2 Prozent) haben einen hohen Stellenwert. Reality bietet aber mehr als reinen Konsum. Die Vielfalt an Charakteren, Geschichten und Emotionen schafft Anknüpfungspunkte, hohes Involvement und entfaltet eine große Sogwirkung. Einmal drin, bieten Reality-Shows genau das, was viele Zuschauer im Moment suchen: ein Gefühl von Gemeinschaft und engen Beziehungen, aber auch Situationen zum Lachen und Lästern.
Linear, Streaming und Social: Reality als Crossmedia-Phänomen
Obwohl das lineare Fernsehen die Basis ist, wird auch Streaming wichtiger, um Reality-Fans in voller Breite zu erreichen. Nach Zahlen der AGF nutzen Reality-Fans RTL+ deutlich intensiver als der Durchschnitt und kommen auf eine tägliche Verweildauer von 99 Minuten - eine Steigerung von 13 Prozent gegenüber der Altersgruppe der 14- bis 59-Jährigen. Auch Joyn stellte erst im April seinen bisherigen Rekord ein und erreichte 12,5 Millionen Zuschauer (kumulierte Nettoreichweite, Z ab 3) – auch dank Formaten wie „Germany's Next Topmodel – by Heidi Klum“, „THE RACE“ und „Promis unter Palmen“.
Bei „Promis unter Palmen“ lag die kumulierte Reichweite bei 11,7 Millionen Menschen. Während 10,1 Millionen Zuschauer das Programm im TV verfolgten, generierte Joyn mit 1,9 Millionen VOD-Seher einen signifikanten Anteil am Gesamterfolg. Allein im Streaming erreicht das Format Nettoreichweiten von bis zu 700.000 Personen pro Woche. Auch „Kampf der Realitystars“ steht exemplarisch für die Verzahnung von Streaming, Social Media und klassischem Fernsehen. Im Streaming erreichte das Format zur Halbzeit der letzten Staffel auf RTL+ bereits 14,884 Millionen Views sowie ein Nutzungsvolumen von mehr als 4,7 Millionen Stunden. Damit zählt die RTLZWEI Show zu den Top-Formaten im AGF-gemessenen Streamingmarkt. Der Sender macht vor, dass Reality-TV längst zu den tragenden Säulen des deutschen Fernsehmarktes gehört. Das „Home of Reality“ setzt seit vielen Jahren konsequent auf Real-Life-Entertainment – von Sozialdokumentationen über Dating-Formate bis hin zu Promi-Shows. Formate wie „Kampf der Realitystars“ stehen exemplarisch dafür, wie lineares Fernsehen, Streaming und Social Media heute ineinandergreifen und Reichweite über zahlreiche Plattformen hinweg erzeugen.
Auch in den sozialen Medien entwickelt sich das Format zum Reichweitentreiber: Die offiziellen Inhalte zu „Kampf der Realitystars“ erzielten plattformübergreifend 53,2 Millionen Views. Das unterstreicht, wie stark Reality-Entertainment heute kanalübergreifend funktioniert und Communities weit über die eigentliche TV-Ausstrahlung hinaus aktiviert.
Reality-TV ist damit ein kraftvolles Crossmedia-Phänomen, das durch eine Vielfalt an Charakteren und Geschichten eine enorme Sogwirkung entfaltet.
Attraktives Umfeld für Marken
Das gefällt auch Werbungtreibenden. Denn Werben im Reality-Umfeld verbindet emotionale Nähe, hohes Involvement, effektive Zielgruppenansprache und crossmediale Aktivierung – und immer mehr Möglichkeiten, sich im Umfeld der beliebten Shows zu inszenieren.
Das zeigt sich etwa in der neuen Staffel von „Die Bachelors“: Marken wie Nescafé, Mezzo Mix, Syoss oder Duplo werden direkt in Dates, Villenszenen und die Dramaturgie der Show integriert. Dazu kommen kontextuelle Framesplits, Social-Media-Verlängerungen, RTL+-Integrationen, Product Placements, Reels und sogar POS-Aktivierungen. Die Show wird damit zur crossmedialen Markenbühne, auf der Produkte nicht mehr nur beworben, sondern Teil des Storytellings und des Reality-Erlebnisses selbst werden.
Die hohe Werbeoffenheit der Zielgruppe unterstützt diesen Effekt zusätzlich: 57 Prozent der Reality-Fans nutzen Medien, um sich hinsichtlich neuer Produkte inspirieren zu lassen. Dass die Integration von Marken funktioniert, zeigen auch Wirkungsstudien. Eine Befragung zur Integration von Samsung im Format „Most Wanted“ ergab, dass das Placement für 68 Prozent der Zuschauer sehr gut zur Sendung passte und von 62 Prozent als glaubwürdig eingestuft wurde.
Auch Langzeitkooperationen erzielen messbare Erfolge: Eine Analyse zur Partnerschaft zwischen Penny und „Promi Big Brother“ zeigte, dass sich die Integration bei 46 Prozent der Befragten positiv auf das Markenimage auswirkte. Besonders bei Stammsehern stiegen die Werte für Sympathie und das Preis-Leistungs-Verhältnis nach der Ausstrahlung signifikant an.
Damit ist Reality-TV längst mehr als Unterhaltung – sondern eine Bühne für Aufmerksamkeit, Gesprächsstoff und erfolgreiche Markeninszenierung. Dass Reality-Fans dabei keineswegs nur für vermeintliches „Trash-TV“ zu begeistern sind, zeigt auch eine Untersuchung des Max-Planck-Instituts: Viele interessieren sich ebenso für Kunst, Musik und qualitativ hochwertige Filme. Ein weiterer Beleg dafür, dass die Zielgruppe deutlich vielfältiger ist, als gängige Klischees vermuten lassen.





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