Sind soziale Medien ein Gewinn für den Einzelnen?
Bilanz aus User-Sicht

1. Hoffnung: Bessere Kommunikation und Interaktion untereinander.

Wie man auch immer persönlich dazu steht oder daran teilnimmt: Mit der Entwicklung der Social Media-Plattformen wurde die zwischenmenschliche Kommunikation revolutioniert. Und sie wurde sowohl in räumlicher als auch in zeitlicher Hinsicht entgrenzt: Das spontane und regelmäßige Kontakthalten in Echtzeit rund um den Globus ist zu einer Selbstverständlichkeit geworden. Ebenso problemlos ist es heute möglich, Kontakt zu Menschen zu halten, die man schon seit langer Zeit aus den Augen verloren hatte. Das Wiederaufspüren von Schulfreunden oder Kommilitonen hat zu einer Explosion der Anzahl von Kontakten geführt, die die Menschen je nach Belieben intensiv oder sporadisch pflegen.

Jenseits dieser eher vergangenheitsorientierten Nutzung bieten die Plattformen aber auch ganz neue Einsatzmöglichkeiten im Hier und Jetzt: Digitale Kommunikation verändert auch die menschliche Beziehungen in der „wirklichen Welt“, die von manchen als Intensivierung, von anderen hingegen als Ausdrücke wachsender Beliebigkeit und Oberflächlichkeit wahrgenommen werden. Deutlich wird die Vielfalt der Interpretationen am Begriff „Freundschaft“. Seit dem Boom der sozialen Medien hat dieser Begriff eine bislang zuvor undenkbare Bedeutungsaufspreizung erfahren.

Jenseits akademischer Diskussionen über Vor- und Nachteile der privaten Nutzung sozialer Medien differenzieren sich immer neue Nutzungsarten und -vorlieben aus. Teilweise nehmen diese rein äußerlich betrachtet auch die Form eines „Gesundschrumpfens“ an, und nicht selten haben sie auch einen Wechsel der Social Media-Plattform zur Folge. Doch selbst eine messbar geringere Nutzung sozialer Medien sollte nicht als Vorbote ihres Niedergangs fehlinterpretiert werden: Wahrscheinlicher ist es, einen Reifungsprozess im Umgang anzunehmen, der den nicht selten infantilen Hype vieler neuer Technologien ablöst und diese letztlich der Funktion und Rolle näherbringt, die sie tatsächlich nachhaltig einnehmen werden.

2. Hoffnung: Leichterer Zugang zu Informationen und Erweiterung des Horizonts

Diese Hoffnung wurde zweifellos erfüllt. Aus eigentlich eher selten in Alltagsgesprächen verwendeten Begriffen wie etwa „nachschauen“ und „nachschlagen“, die kompliziert und langatmig und auch letztlich uncool-akademisch und pedantisch klangen, ist das lockere, leichte und in real-time mögliche „checken“ oder „googeln“ geworden. Die Menschen haben heute ganze Enzyklopädien und halbe Bibliotheken bei sich, wenn sie morgens in der U-Bahn oder abends mit Freunden in der Bar sitzen. Tatsächlich wurde der Zugang zu Informationen durch Sozial Media revolutioniert und vereinfacht – für den Umgang mit Informationen gilt dies freilich nicht. Dieser hat sich qualitativ auf persönlicher Ebene durch die Entstehung von sozialen Medien vergleichsweise wenig verändert: Die Menschen gehen mit Inhalten weiterhin so verantwortungsvoll und verantwortungslos um wie zuvor. Nur hat dies andere Konsequenzen.

Die zur Verfügung stehende Menge an Informationen verstärkt jedoch die bereits zuvor bestehenden Probleme in Bezug auf Einschätzung, Bewertung und Gewichtung der verfügbaren Informationen und Quellen. Interessanterweise begann die öffentliche Debatte über die „Informationsflut“ aber deutlich vor dem Boom der sozialen Medien. Als Auslöser kann Social Media hier also nicht gelten. Aber die Folgen dieser Entwicklung werden sicht- und greifbarer. Die Diskussion über das Entstehen von Filterblasen suggeriert zwar, dass dies eine moderne Nebenerscheinung des Social Media-Zeitalters sei. Tatsächlich aber ist es nur allzu menschlich, in Zeiten großer Informationsvielfalt in erster Linie um die eigene Kontrolle und das Gefühl der eigenen Orientierung zu ringen.

Zweifellos ermöglichen moderne Technologien eine effizientere Steuerung von Inhalten durch die Nutzer und somit auch das Entstehen undurchlässigerer Filterblasen. Problematischer als diese Entwicklung ist aber eher die durch die sozialen Medien selbst angelegte und / oder gesteuerte Verbreitung von Inhalten, unabhängig davon, ob diese nun durch intransparente Algorithmen oder aber durch bewusstes Eingreifen in die Informationsvielfalt geschieht. Zu beachten ist auch, dass die aktuelle Diskussion über die Glaubwürdigkeit von Medien und öffentlichen Inhalten keine ist, die von der Entstehung und Entwicklung von sozialen Medien ausgelöst wurde.

Das steigende Misstrauen gegenüber Medien und auch gegenüber Politik ist nicht auf Social Media zurückzuführen, wenngleich diese natürlich als soziales Phänomen in diese Diskussion hineinwirken und sie verstärken. Die weit verbreitete Skepsis gegenüber öffentlich-rechtlichen und anderen klassischen Medien ist keine Folge des Social Media-Booms, sondern Folge grundlegender gesellschaftlicher und politischer Veränderungen.

3. Hoffnung: Empfänger werden zu Sendern

In seiner Radiotheorie formulierte Bertolt Brecht in den späten 1920er- und frühen 1930er-Jahren Vorschläge zur Umfunktionierung des Rundfunks: Dieser Rundfunk solle „von einem Distributionsapparat in einen Kommunikationsapparat“ verwandelt werden. Mit der Entstehung der sozialen Medien wurde die von Brecht erwünschte Möglichkeit des Verschwimmens von Sender und Empfänger möglich.

Diskutabel bleibt, ob Brecht auch seine damaligen Hoffnungen für die Weiterentwicklung des gesellschaftlichen und politischen Bewusstseins im Zeitalter des Internets erfüllt sehen würde. Sicherlich könnte er heute Positives entdecken. Auch wenn vielleicht vergleichsweise wenige Mediennutzer auch selbst zu Medienmachern – und sei es auch nur im kleinen und privaten Rahmen – geworden sind: Die reine Möglichkeit, ohne größeren Aufwand Meinungsfreiheit nicht nur als Konsumfreiheit, sondern auch als Meinungsäußerungsfreiheit mit Leben zu füllen, wäre ganz im Sinne Brechts. Dass sich seine Hoffnung auf eine hieraus erwachsene gesellschaftliche Transformation nicht erfüllt haben, ist weniger den sozialen Medien anzulasten als einer unrealistischen Erwartungshaltung.

4. Hoffnung: Emanzipation der Mediennutzer von Zeit und Raum

Diese Hoffnung wurde zweifellos und zu großen Teilen erfüllt worden. Die heutige Mediennutzung ist individualisierter als jemals zuvor, und sie ist immer weniger an Zeiten oder Orte gebunden. Dazu hat besonders YouTube beigetragen, aber auch die Weiterentwicklung der TV-Sender mitsamt deren Mediatheken. Die Entwicklung ist nicht nur Social Media zu verdanken, sondern in erster Linie eine Folge der Digitalisierung und der daraus entstehende größeren Beweglichkeit und einfacheren Speicherbarkeit großer Datenmengen.

Dennoch ist natürlich die Emanzipation der Mediennutzer keine vollständige: Auch weiterhin unterliegt die Produktion von Medien Gesetzmäßigkeiten und Regeln wie etwa denen der Wirtschaftlichkeit, die einer vollständigen Kontrolle von Medienproduktion durch deren Nutzer entgegenstehen. Daher ist zum Beispiel das Thema Werbung ein weiterhin bestehendes Konfliktthema. Auch YouTube kommt an der Notwendigkeit von Werbung nicht vorbei. Zwar können Werbefilme nach wenigen Sekunden abgebrochen werden. Dies ist aber in der Praxis keine Werbeverhinderung, sondern eher ein Ansporn an Werbetreibende und Gestalter, sich mit diesen neuen Vorgaben kreativ auseinanderzusetzen.

Die aktuellen politischen Debatten über „Hassrede“ und die Verbreitung radikaler politischer oder religiöser Statements auf sozialen Medien lässt jedoch dunkle Wolken über der „Emanzipation der Mediennutzer“ aufziehen. Es steht zu erwarten, dass in Zukunft das Pendel eher zuungunsten einer wirklichen Nutzeremanzipation und zu mehr ordnender und auch lenkender und begradigender Einflussnahme auf soziale Kommunikation in digitalen Netzwerken kommen wird. Dies wird auch die Freiheit in Bezug auf Raum und Zeit betreffen.